Das Kreuzband bei Fußballerinnen
Warum VKB-Risse bei Spielerinnen etwa 2,8-mal häufiger sind, wie sie tatsächlich entstehen und worauf ein Trainer Einfluss hat. Zahlen mit Quellenangabe.
Thibaud C. · Athletiktrainer · Zuletzt aktualisiert: 26. September 2026
Das ist mit Abstand das Thema Nummer eins. Risse des vorderen Kreuzbands (VKB) sind bei Fußballerinnen deutlich häufiger. Eine Längsschnittstudie über sechs aufeinanderfolgende Saisons in einem einzigen Verein weist eine 2,8-mal höhere Häufigkeit bei den Spielerinnen aus (1,06 % gegenüber 0,38 % bei den Spielern) — Ferré-Aniorte et al., 2025. Ein Riss bedeutet sechs bis zwölf Monate Pause, manchmal das Ende einer Amateurkarriere.
Ein Detail dieser Studie verdient Beachtung, weil es deine Arbeit lenkt: Der Unterschied zwischen Mädchen und Jungen zeigt sich erst ab etwa 14 Jahren. Davor sind die Häufigkeiten vergleichbar. Zwischen 12 und 15 Jahren ist Prävention also am sinnvollsten.
Die gute Nachricht: Dieses Risiko ist kein Schicksal — es ist einer der wenigen Bereiche, in denen Training eine klare Wirkung gezeigt hat.
Wie es konkret passiert
Systematische Videoanalysen erlauben es heute, den Mechanismus präzise zu beschreiben. Bei 127 gefilmten Rissen in 25 professionellen Frauenligen zwischen 2022 und 2024 ergibt sich folgende Verteilung: 49 % ohne jeden Kontakt, 41 % mit indirektem Kontakt (ein Stoß an anderer Stelle als am Knie, der aus dem Gleichgewicht bringt) und nur 10 % mit direktem Kontakt am Knie.
Anders gesagt: Neun von zehn Rissen entstehen nicht durch einen Schlag aufs Knie. Sie entstehen durch einen schlecht kontrollierten Fußaufsatz. Das typische Szenario wiederholt sich:
- ein abruptes Abbremsen oder eine Landung nach einem Sprung, auf einem Bein;
- das Knie kippt nach innen (man spricht von Valgus), während der Fuß fixiert bleibt;
- der Oberkörper aus der Achse, oft weil die Spielerin woandershin schaut — auf den Ball, auf eine Gegenspielerin;
- und eine Belastung, die in den ersten Zehntelsekunden des Fußaufsatzes eintrifft, noch bevor die Muskeln reagieren können.
Dieselben Analysen liefern eine direkt nutzbare Information: Etwa zwei von drei Rissen passieren in der Defensivphase, meist bei einer Pressing- oder Tacklingaktion. Das ist kein Zufall — es sind die Situationen, in denen die Spielerin schnell läuft, im Notfall abbremst und die Augen am Ball hat statt bei ihrem Fußaufsatz.
Warum dieses Risiko höher ist
Es gibt keine einzelne Ursache, sondern ein Bündel von Faktoren. Manche lassen sich nicht ändern, andere schon — und genau dort zählt deine Arbeit:
- Anatomische Faktoren: breiteres Becken, ausgeprägterer Winkel zwischen Oberschenkel und Schienbein, oft dünneres Band. Die ändert man nicht.
- Eine andere neuromuskuläre Kontrolle: Bei der Landung sieht man im Mittel stärker nach innen kippende Knie, weniger gebeugte Hüften und Knie und eine im Verhältnis zum Quadrizeps schwächere Ansteuerung der Oberschenkelrückseite. Das lässt sich trainieren.
- Ein historisch schlechteres Trainingsumfeld: weniger Jahre Athletiktraining, weniger Kraftarbeit, oft weniger Betreuung. Auch das lässt sich trainieren und ist wahrscheinlich der am meisten unterschätzte Faktor.
- Hormonelle Faktoren, die regelmäßig angeführt werden (Schwankungen der Bandlaxität im Zyklusverlauf). Daten dazu gibt es, sie bleiben aber umstritten: Eine verlässliche praktische Vorgabe lässt sich daraus heute nicht ableiten.
- Materielle Faktoren: schlechte Plätze, ungeeignete Stollen, dichte Spielpläne. Sie fallen ins Gewicht und sind im Verein manchmal verhandelbar.
Die Nuance, die bleiben muss: Diese Faktoren erhöhen ein Risiko, sie lösen nicht mechanisch eine Verletzung aus. Viele Spielerinnen werden nie einen Riss erleiden, und eine gut vorbereitete Spielerin kann einen erleiden. Man arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten, nicht mit Gewissheiten.
Worauf du wirklich Einfluss hast
Drei Hebel, nach nachgewiesener Wirksamkeit geordnet:
- Ein regelmäßiges neuromuskuläres Programm — mit Abstand das wirksamste, und Thema des nächsten Moduls.
- Die schrittweise Steigerung der Belastung: Trainings- oder Spielspitzen nach einer Pause sind Risikophasen. Ein über drei bis vier Wochen verteilter Wiedereinstieg ist besser als eine abrupte Rückkehr (siehe Kurs Belastungssteuerung).
- Die Qualität des Wiedereinstiegs nach einer Verletzung: Das Risiko eines zweiten Risses ist nach einem ersten, ohne Kontakt entstandenen Riss deutlich höher. Die Rückkehr ins Spiel entscheidet sich nicht allein daran, dass der Schmerz weg ist: Die Kriterien müssen funktionell sein, und dafür sind Ärztin oder Arzt und Physiotherapie zuständig, nicht der Trainer.
Eine taktische Folge, die selten ausgesprochen wird: Da die Mehrzahl der Risse in der Defensivphase bei einem Notbremsmanöver passiert, ist es auch Prävention, deinen Spielerinnen sauberes Stellen beizubringen (in einem Bogen ankommen, vor dem Kontakt abbremsen, sich nicht hineinwerfen). Das Modul „Das Winkelverkürzen“ aus dem Kurs Als Mannschaft verteidigen wird hier ebenso zu einem Gesundheits- wie zu einem Taktikinhalt.